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Lieder über die Schönheiten des Norden
erreichen gegenwärtig Spitzenplätze in
den volkstümlichen Musiksendungen und Hitparaden1.
In der Einschätzung des Nordens und seiner
kulturellen Ausstrahlung ist es in den letzten Jahrzehnten
zu einem unerhörten Wandel gekommen, denn :
"Frisia non cantat" - frei übersetzt:
der Norden ist unmusikalisch, dort singt man nicht
- hatte die "gebildete" Welt noch bis in die ersten
Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geurteilt. Als jahrhundertealte
Bestätigung dieses Vorurteils diente eine angebliche
Beobachtung des römischen Geschichtsschreibers
Tacitus (geb. um 55, gest. nach 115), der allerdings
Germanien niemals bereist hatte2.
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Treckfidelhanne
und Micha mit der
Teufelsgeige (Hannelore Hinz und
Michael Tryanwski) spielen bei
einem Volksfest.
Foto: Volkskulturinstitut |
Aus dem Alltagsleben ist das Lied, ebenso wie
in anderen Regionen, durch Verstädterung und
Industrialisierung so gut wie verschwunden. Dampfschiffe
beispielsweise verdrängten das für die
Segelschiffahrt typische Shanty3,
Mähdrescher machten den rhythmischen Gesang
der Mäher überflüssig, die fabrikmäßige
Herstellung von Stoffen beendete den Gesang von
Balladen, erzählenden vielstrophigen Liedern
in der Spinnstube. Auch die sogenannten Heischelieder,
mit denen an allen hohen Festtagen einzelne Berufsgruppen
das Recht hatten, vor den Bauernhäusern oder
bei städtischen Kunden zu heischen, verschwanden
aufgrund sozialökonomischer Veränderungen
bzw. veränderter Beziehungen zwischen Brauchträgern
und Brauchadressaten4;
gedruckte Zeitungen, ein modernes Nachrichtensystem,
ließen das Drehorgellied, dessen Texte
oft aus Hamburg kamen, verklingen5.
Dennoch konnte auch für Mecklenburg-Vorpommern
trotz vergleichsweise spät einsetzender Sammeltätigkeit
in diesen Bereichen ein reiches und vielfältiges
Lied- und Tanzgut festgestellt werden6.
Nach zeitgenössischen Berichten war allerdings
bei Arbeitsgesängen etwa auf dem Felde, beim
Choralsingen in der Kirche, oder bei den begleitenden
Liedern zum Tanz7
selten wohllautender Gesang zu hören, vielmehr
ist "In den mehrsten Fällen...,was man
Gesang nennt, füglich nichts weiter als Geschrei...,
näselndes Dröhnen ist den Leuten eigenthümlich..."8
Dieses niedere musikalische Niveau der mecklenburgischen
Volksmusik im 18. und 19. Jh. hat allerdings nachweisbare
Ursachen, denn den jeweiligen Landesherren schienen
Musik und Tanz geradezu schädlich für
das Volk und seinen Müßiggang zu befördern.
Auch in der Musikpädagogik "hinkte" Mecklenburg
anderen Regionen hinterher; so unterrichteten in
den ritterschaftlichen Dörfern noch nach 1800
Jäger, Gärtner, Hirten und Handwerker
die Kinder winters im Nebenberuf.
Was das professionelle Singen und Musizieren anbelangt,
so hört man keine Klagen über einen Rückstand
des Nordens. Es gab nämlich bedeutende, bis
ins Mittelalter zurückreichende und stetig
weiterentwickelte Traditionen kirchlicher, höfischer
und städtischer Musikkultur. Die früh
nachweisbare Existenz seßhafter Spielleute,
die überregionale Ausstrahlung des pommerschen
Minnesängers Wizlav von Rügen (1284-
1325), das reiche internationale Repertoire des
Rostocker Liederbuches von 1478, die zahlreichen
Sammelbände mit geistlichen und weltlichen
Kompositionen, die der seit 1618 an der Rostocker
Marienkirche amtierende Kantor Daniel Friderici
für seine Studenten zusammengestellt hatte,
die Qualität der höfischen Kapellen im
18. Jahrhundert mögen als stichwortartige Belege
dienen.9
Bis weit in das 16. Jahrhundert hinein ist in Norddeutschland
- bis auf den Kirchengesang - allgemein niederdeutsch
gesungen worden. Der Rostocker Joachim Slüter
mußte also die Lieder für sein Gesangbuch
1525 erst ins Niederdeutsche übersetzten lassen.
Anfang des 19. Jahrhunderts überwog dann bereits
der Anteil hochdeutscher Texte, wie es die Bestände
der Archive und die Inhalte handschriftlicher Liederbücher
zeigen.
Veränderte Lebensbedingungen und neuer hochdeutscher
Sprachgebrauch schienen das niederdeutsche Lied
schon im 19. Jahrhundert zum Verklingen zu zwingen.
Drei Innovationsschübe gaben dann aber solche
Impulse, dass das niederdeutsche Lied in Mecklenburg-Vorpommern
eine Renaissance in neuer Funktion als Darbietungsfolklore
in Chören, Vereinen, auf der Bühne erleben
konnte:
Das waren
1. Die Heimatbewegung bzw. die Niederdeutsche Bewegung10
2. Die sogenannte "Folklorewelle" der 70-Jahre
3. Die Wende 1989
1. Die Heimatbewegung bzw. die Niederdeutsche
Bewegung
Während bis dahin die "Produktion" niederdeutscher
Lieder, und das betrifft auch die Musik allgemein
in Mecklenburg-Vorpommern, sehr abhängig von
musikalischen Importen war, (Tanzmeister kamen aus
Skandinavien und Frankreich, Instrumentalisten oft
aus Böhmen), brachte die Besinnung auf nationale
eigene Traditionen als Gegenreaktion auf die Besetzung
durch die napoleonischen Truppen eine reiche Liedproduktion
unterschiedlichster Qualität mit sich. Daneben
beförderten Diskussionen um die Nation die
Suche nach Nationalem im Lied.
Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Zeit zählen
Klaus Groth, John Brinckman
und Fritz Reuter, dessen
Lied vom knorrigen "Eikboom", der die niederdeutsche
Sprache symbolisiert, zu einer der heimlichen Hymnen
Mecklenburg-Vorpommerns wurde. Volkstümlichkeit
erreichten auch Preislieder auf die Heimat wie das
von Gustav Adolf Pompe (geb.1831in Stettin
- gest.1889 in Demmin) getextete "Pommernlied" ("Wenn
in stiller Stunde Träume mich umwehn"),
das ganz ausdrücklich die pommerschen Farben
weiß und blau besingt und demgemäß
zu DDR-Zeiten unerwünscht11
war, sowie das weit über die Ostseegrenzen
hinaus bekanntgewordene "Wo de Ostseewellen
trecken an den Strand" der Zingsterin Martha
Müller-Grählert (geb.1876 in Barth
- gest. 1939 in Franzburg). Als Sammler und engagierte
Dichter des vaterländischen und politischen
Liedes sind Ernst Moritz Arndt ("Was ist
des Deutschen Vaterland") und Hoffmann von Fallersleben
zu nennen ("Wir Mecklenburger sind nur Herrn und
Knechte"). Beiden sind auch zahlreiche Kinderlieder,
die zu Volksliedern geworden sind, zu danken.
2. Die sogenannte "Folklorewelle" der 70-Jahre
Der Mißbrauch gerade auch des niederdeutschen
Liedes zur Zeit des Nationalsozialismus, der Wille
der Kulturfunktionäre der DDR, nicht das regionale
Liedgut zu pflegen, sondern Auftragswerke für
eine sozialistische Nationalkultur zu vergeben,
hatte das niederdeutsche Lied, aber auch das regionale
Lied für Jahrzehnte in einen Nische gedrängt.12
Seitdem das Plattdeutsche spätestens seit der
"Bitterfelder Konferenz" wieder "salonfähig"
geworden war und auch die neue Mundartwelle mit
einiger Verspätung den plattdeutschen Ostseestrand
erreichte, entstand eine neue Liedqualität,
für die vor allem Liedermacher und Folkloregruppen
verantwortlich zeichneten. 1960 war bereits ein
erstes Liederbuch mit traditionellen Liedern von
Hans Erdmann herausgegeben worden, dem 1981
ein niederdeutsches Liederbuch von Heike Müns
folgte. Damit war zwar das traditionelle Liedgut
wieder zugänglich, doch die jüngere Generation
erreichte es weniger. Mit den Folkloristen Wolfgang
Rieck (Jg. 1953) und Joachim Piatkowski
(Jg. 1954) wurde durch Konzertprogramme wie "Du
schliefst, Land Mecklenburg - einem werthen Bürgerpublikum
kund und zu wissen, was sich begeben und zugetragen
hat in der Provinz Mecklenburg So allhie im Jahre
1848 und späther" eine breitere Öffentlichkeit
zum kritischen Zuhören angeregt. Fröhlich
und frech nahmen auch die Schweriner Plattfööt
mit einem lässigen "Platt for Ju"
in Schlagermanier die Gebrechen des sozialistischen
Alltags auf"s Korn, während die Lieder der
Neubrandenburger Gruppe "Die Landleute" mit
ausgefeilten plattdeutschen Texten und lautmalerischer
Instrumentierung eine neue Dimension des volksliedhaften
Heimatliedes kreierten. Die neuesten Lieder wurden
seit 1982 regelmäßig auf "Niederdeutschen
Liederfesten" vorgestellt. Neu für diese Phase
war eine intensive Zusammenarbeit der Liedermacher
mit Autoren und Autorinnen wie Hannelore Hinz,
Lisa Milbret, Erna Taege Röhnisch, Ursula Kurz,
Heinz Pantzier u.a.
3. Die Wende 1989
"De Tied bliwt nich stahn - de Wind hett
sick dreiht "13
sang als bewegendes Dokument des Herbstes 1989 die
Gruppe Plattfööt
aus Schwerin. Die Freude und Erleichterung widerspiegeln
zahlreiche Lieder dieser Zeit, wie das Lied "De
Wennehals" von Heinz Pantzier und Gunnar
Rieck.14
Während der vorbereitenden Phase gab es allerdings
keine neuen Lieder, die zum direkten Widerstand
hätten aufrufen können, hier bediente
man sich in kleinen Gruppen oder im Kirchenraum
bekannter Lieder, die durch ihren doppelsinnigen
Text geeignet erschienen zumindest als Ventil sprachlosen
Protest zu äußern. Dazu zählte beispielsweise
eine Umdichtung des Liedes "Die Gedanken sind frei",
das kein Chor bei offiziellen Anlässen singen
durfte, von Ingo Barz: "Ich denk mir ein Haus
aus Reimen und Noten, wo keinem der Aus- und Eintritt
verboten..."15.
Ebenso wanderten Abschriften der Lieder von Rolf
Biermann von Hand zu Hand.
Eine neue Diskussion um Heimat und Identität
beförderte auch eine Auseinandersetzung mit
dem überkommenen Heimatlied und führte
u.a. aufgrund eines Wettbewerbaufrufes zu einer
Vielzahl von Einsendungen für einen neue Hymne
Mecklenburg-Vorpommerns.16
Neben hymnischer Verehrung des eigenen Landes wurde
die Gelegenheit wahr genommen, mit gutmütigem
Spott, zuweilen aber auch sarkastisch, die gegenwärtige
Situation zu charakterisieren, wie in folgender
Einsendung:
"Oh, Herr Seite, oh Herr Seite,
Mecklenburg ist völlig pleite.......
Wo schippern wir nur alle hin?
Meck-Pomm ist hin, Meck-Pomm ist hin.
...Überall fragt man behende,
wann, wann kommt die echte Wende?"
Wie stark die Tradition aber noch wirkt, zeigte
sich deutlich, wenn viele Einsender als neue Hymne
so bekannte Lieder wie Reuters Eikboomlied, das
Ostseewellenlied von Martha Müller Grählert,
das "Pommernlied" von Adolf Pompe oder das bisher
anonym gebliebene "Wo die grünen Wiesen" favorisierten.
Dass Mecklenburg-Vorpommern, wie der Norden überhaupt,
auch im Industrie-und Computerzeitalter gern singt
und tanzt, belegt die Vielzahl gegenwärtiger
Chöre und Ensemble.
Heike
Müns, Bundesinstsitut für Kultur und
Geschichte der Deutschen im östlichen Europa,
Oldenburg
Anmerkungen:
1
Vgl. Fernsehsendungen wie: "Lieder, so schön
wie der Norden"; "Bi uns to Hus"; "Wunderschöner
Norden" u.a.m. Der Titel "Land im Norden" (der
keine bestimmte Region nennt), wurde 1990 Siegertitel
beim Grand Prix der Volksmusik.
2 Heike Müns: "Frisia non cantat"
versus "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn"?
In: Hans Henning Hahn (Hrsg.) Tagungsband der Universität
Oldenburg zur Stereotypenforschung. Im Druck.
3 Hermann Strobach: Shanties, Rostocck1966;
Heike Müns: Handschriftliche seemännische
Liederbücher auf deutschen Segelschiffen. In:
Deutsches Schiffahrtsarchiv 14, Bremerhaven 1991,
(114), S. 273-388; Heike Müns: Shanties auf dem
Festland. Vom Arbeitslied zum Vereinslied. In: Berichte
aus dem ICTM-Nationalkommitee Deutschland Bd. XI,
Bamberg 2002, S. 173-200.
4 Heike Müns: Von Brautkrone bis Erntekranz.
Jahres- und Lebensbräuche in Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Handbuch, Rostock 2002.
5 Heike Müns: To Pingst"n, ach wie
scheun. Plattdeutsche Lieder von norddeutschen Märkten
zu Pfingsten, Antoni und Weihnachten, Rostock 1992.
6 Das Mecklenburgische Volksliedarchiv
und das Pommersche Volksliedarchiv veröffentlichten
regelmäßig Berichte über Neuzugänge,
Arbeitsmethoden und Veröffentlichungen an das
Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg.
7 Heike Müns: Tänze, Stücke
und Lieder. Aus Musizierhandschriften in Mecklenburg,
Rostock 1987; Dies. Tanzmusikanten in Mecklenburg,
Rostock 1987.
8 Ludwig
Fromm: Mecklenburg. Ein niederdeutsches Landes- und
Volksbild, Schwerin 1860, S. 42. Vgl. auch Kapitel
"Volksmusik" von Heike Müns in : Ulrich Bentzien/Siegfried
Neumann: Mecklenburgische Volkskunde, Rostock, 1988,
S. 376 - 401.
9 Zu allen Stichworten Beiträge in
Karl Heller/Hartmut Möller/ Andreas Waczkat:
Beiträge eines Kolloquiums zur Mecklenburgischen
Musikgeschichte, Hildesheim u.a. 2000.
10 Vgl. u.a. Klaus Schuppenhauer: Niederdeutsche
Bewegung. In: Jochen Wiegandt (Hrsg.): Kennt ji all
dat niege Leed? Liederbuch für Mecklenburg-Vorpommern.
Hamburg 2003, Sp..311-314.
11 Vgl. Nachwort von Heike Müns in:
Heike Müns/Burkhard Meyer(Hrsg.): Weiße
Segel fliegen auf der blauen See. Pommern in Lied
und Brauch. Rostock, 1992, S. 245-262, hier S. 260.
12 Heike
Müns : Niederdeutsches Lied in der DDR - Nische
oder staatlicher Auftrag In: Heimatsprache zwischen
Ausgrenzung und ideologischer Einbindung. Frankfurt
a. M. S 147-170.
13 Heike
Müns: Plattdeutsches Lied heute in Mecklenburg
- ein Abgesang? In: 43. Bevensen-Tagung vom 14.-16.
9. 1990,.Mannheim 1990, S. 12-31, hier S. 12.
14 Ebenda
, S. 30 ; vgl. auch: Heike Müns "Wende-Lieder"
in Jochen Wiegandt, wie Anm 10, Sp. 386-389.
15 Heike
Müns, wie Anm.15, S. 15
16 Heike
Müns: Zur Produktion Mecklenburg-vorpommerscher
Heimatlieder nach der "Wende". In: Christoph Schmidt
(Hrsg.): Homo narrans Studien zur populären Erzählkultur.
Festschrift für Siegfried Neumann, Münster
1999, S.389-409.
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